Die letzten Tage sind gezählt…

Vor gut einer Stunde habe ich mit meinem Vati telefoniert. Es war wieder ein sehr emotionales Gespräch mit vielen Tränen… Letzten Freitag haben wir meine Mutti besucht. Als sie so dalag auf der Palliativstation in ihrem Krankenbett, war es so schmerzlich sie anzusehen. Ihr nicht gerufen zu können. Wir haben uns gedrückt und minutenlang in den Armen gelegen. Sie hat keine Kraft mehr. Das Gewebe hängt nur noch. Immerzu hatte sie Probleme mit der Luft. Ohne zusätzlichen Sauerstoff geht es nicht mehr. Immer mal musste sie die Augen schließen und Kraft tanken. Kraft, die sie eigentlich nicht hat. Ich saß die ganze Zeit auf ihrem Bett und hielt ihre Hand, streichelte sie, später ihr Bein. Ich wusste gar nicht, was ich ihr sagen oder erzählen soll. Sie sollte sich nicht groß aufregen, sich lieber ausruhen. Nach ca 1,5 Stunden ging ich. Ich umarmte sie und flüsterte ihr ins Ohr : „Ich habe dich lieb. Wir sehen uns wieder..“ Sie will von oben auf uns aufpassen.. Mit Tränen im Gesicht verließ ich sie, umarmte nochmal meinen Vati und sagte ihm, er solle jetzt für sie da sein… Meine Mutti kam gar nicht mehr weinen. Keine Träne floss.

Zu Hause googelte ich etwas. Das mit der Luft war komisch. Ich kam auf Luftröhrenkrebs. Die Symptome passten einfach zu gut. Ca. 6 Monate Luftprobleme, immer weniger Appetit, Gewichtsverlust, körperliche Schwäche… Es fügt sich wie ein Puzzle zusammen. Aber sie konnte es nicht ahnen. Und sie hätte es auch nicht mehr behandeln lassen wollen…

Gestern erzählte Vati nach seinem Besuch, dass Mutti früh und abends Morphium bekommt. Morphium!! Wenn es schon so weit ist, dachte ich nur. Also gestern noch einen kleinen Koffer gepackt. Wenn es soweit ist, will ich ganz schnell zu meinem Vati fahren, ihm beistehen, alles regeln, was geregelt werden muss. Einerseits bin ich sehr emotional (bin vom Sternzeichen Krebs – wer das auch ist, kennt das) und andererseits sehr rational. Bedenke, was muss geklärt werden. Hab mir noch die BahnApp installiert, damit ich kurzfristig ein Ticket buchen kann.

Aber der Tod ist unausweichlich. Er fragt nicht. Man spricht zu wenig darüber. Was möchte man anziehen? Welche Musik soll gespielt werden? Sollen die Tauergäste schwarz tragen oder bunt? Friedhof oder Wiese oder Friedwald oder verstreut im Wind? Kirche oder Tauerhalle? Erdbestattung oder Verbrennung? Anzeige in der Zeitung?…

Im heutigen Telefonat berichtete Vati, dass sie alles geklärt haben. Sie sind im reinen. Der Tod kann nun kommen. Am Vormittag hatte er ein Telefonat mit der Ärztin. Und da kam die Diagnose wie ein Hammer. Die ganze Lunge ist voll mit Krebszellen. Also stimmte meine Vermutung. Leider. Tränen.. Dieser steigt langsam in die Luftröhre und verursacht die Atemprobleme. Sie hat nun ein Gerät, mit dem sie die Schmerzmittel selbst dosieren kann… Sie war aber heute die ganze Zeit wach, als mein Vati da war. Und sprachen über den Tod, der nun immer realer wird. Der Tag wird kommen. Aber wann? Das weiß nur der liebe Gott. Was ich sehr toll fand, war, dass der Pfarrer und seine Frau (die Seelsorgerin ist) aus unserem Dorf heute bei ihr waren. Sie haben das Abendmahl mit ihr gefeiert. Sicher ein letztes Mal.. Sie weiß auch, dass ich die ersten Tage bei Vati sein werde, um alles zu klären. Sie weiß, es ist alles geregelt. Meine Schwester war gestern auch nochmal bei ihr. Ich bin stolz auf sie. Sie ist paar Jahre jünger als ich, hat aber grade 2 kleine Kinder…

Es ist alles gut, mein Vati ist beruhigt und weiß, dass er und wir nichts mehr tun können. Wir werden ihr einen würdevollen Abschied organisieren. Das hat sie sich verdient.

Ich war heute wieder auf Arbeit, nachdem ich Do und Fr nicht konnte. Meine Kollegen sind total lieb und haben vollstes Verständnis. Mein Chef auch. Wenn es soweit ist, kann ich jederzeit gehen. Es tut so gut, zu wissen, dass sie ohne Sorgen gehen kann. Und auch ich mich in Ruhe verabschieden kann. Die Zeit nehme ich mir.

Ich bin froh, dass ich meine Gedanken und Gefühle hier niederschreiben kann. Es hilft mir ungemein, meine Trauer zu verarbeiten. Und mein Glaube sagt mir, dass zwar ihre Hülle, ihr Körper nicht mehr da sein wird und wir auch ihr Stimme nicht mehr hören werden, aber ihre Seele ist bei uns. Und auf einer Wolke oder einem Stern wird sie sitzen und uns beobachten. Und vielleicht kann ich andere damit ermutigen, das Thema Tod offen anzusprechen. Sie ermutigen, dass vieles vorher im Sinne des Sterbenden geklärt werden kann, damit einem dann keine Blase entgegenschlägt und man nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Redet darüber. Es ist wichtig. Der Tod gehört zum Leben dazu.

Für meinen Vati wird es schwer. Sehr schwer. Meine Schwester und ich haben ihre eigene Familie. Vati ist allein. Wir wohnen auch nicht alle in einem Ort. Ich 200km entfernt, meine Schwester ca 65km. Ich hoffe, er schafft es.

Mal sehen, was die nächsten Tage bringen. Ich nehme jetzt noch Baldrian und versuche zu schlafen.. Gute Nacht.

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