Letzter Besuch?

Das frage ich mich nun wahrscheinlich immer. Schon letzten Freitag dachte ich, sie wird die kommende Woche nicht überstehen. So schlecht ging es ihr. Bei meinem heutigen Besuch war ich überrascht. Sie war relativ wach, unterhielt sich mit mir und meinem Vati und lachte auch mal. Natürlich ist sie körperlich sehr schwach und kann nicht mehr das Bett verlassen. Es tut so unglaublich weh, wenn man weiß, es gibt keine Hilfe mehr, jede Minute ist kostbar, jeder Augenblick vielleicht einzigartig. Ihre Hand zu hauen, ihren Fuß zu streicheln.. Mir zerreißt es das Herz, meine Liebe Mutti so zu sehen. Schwach, hilflos, wehmütig, dennoch stark, wie sie mir zum Abschied Mut und Stärke gewünscht hat, die sie doch brauch! Mir fehlen die Worte..

Worte… Was sagt man bei so einem Besuch? Ich bin zerrissen. Erzähle ich ihr von schönen Erlebnissen, die sie nicht mehr erleben wird, was sie traurig macht? Oder soll ich ihr Mut geben und sagen, das wird schon, obwohl es das definitiv nicht wird? Ich habe mich für einen neutralen Mittelweg entschieden. Auf das reagiert, was sie sagt. Ein wenig von uns erzählt, was gerade so passiert. Am Montag geht die Schule wieder los und unser Sohn kommt in die 5.Klasse. Dafür bekam er heute eine kleine Schultüte, da es ja wieder ein Neuanfang ist. Diese Idee kam mir, weil meine Mutti das bei uns Kindern auch so gemacht hat. Ich möchte diese Tradition gern fortführen. Davon hab ich ihr berichtet und ein Foto gezeigt. Fotos… Dann haben wir noch Selfies gemacht und Vati ein paar von Mutti und mir. Vielleicht das letzte gemeinsame Bild? Es wird auf jeden Fall einen Ehrenplatz bekommen…

Da ich die ganze Woche schon so viel geheult habe, hatte ich heute kaum noch Tränen. Dieser verdammte Krebs.

Nun sitze ich noch im Zug und fahre zu mir nach Hause. Ich habe Kopfhörer in den Ohren und heute seit paar Tagen mal wieder Lust auf Musik. Und da entdecke ich in meiner Playlist Wolfsheim und das Lied „Kein Zurück“. Es passt wie die Faust aufs Auge. Es gibt kein Zurück. Die Zeit können wir nicht anhalten und auch nicht zurückdrehen. Wir leben im hier und jetzt und müssen die Zukunft auf uns zukommen lassen. Ob wir wollen oder nicht. Wie gern würde mein Vati die Zeit anhalten wollen oder mit ihr tauschen. Aber er ist nicht dran – seine geliebte Frau! Wir hoffen nun, dass sie in ein nahegelegenes Hospiz verlegt werden kann. Die Plätze sind wohl sehr begrenzt und mein Vati möchte sie gern noch jeden Tag besuchen…

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Dietrich Bonhoeffer

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